Das Leben der heiligen Radegunde von Baudonivia (um 600-602)
Ausgabe von Bruno Krusch in MGH, Scriptores rerum Merovingiorum, Band II: Fredegarii et aliorum Chronici, Vitae Sanctorum, Hannover 1888.
Buch II
2. Während sie mit dem König noch in weltlichem Gewand war, während sie den Geist auf Christus gerichtet hatte, - ich spreche mit Gott als Zeuge, dem, wenn der Mund schweigt, die Herzen bekennen, dem, wenn auch die Zunge schweigt, das Gewissen nichts verbirgt, weil wir sagen, was wir gehört haben und bezeugen, was wir gesehen haben, - war sie von Frau (matrona) Ansifrida zum Essen eingeladen worden, und während sie unterwegs war, wobei sie mit weltlichem Prunk begleitet wurde, nachdem sie eine lange Strecke zurückgelegt hatte, war ein Tempel, der von den Franken verehrt wurde, eine Meile in der Nähe auf dem Weg der seligen Königin. Als sie dies hörte, dass dort von den Franken ein Tempel verehrt werde, befahlt sie ihren Dienern, den Tempel mit Feuer zu verbrennen, weil sie es für ungerecht hielt, den Gott des Himmels zu verachten und teuflische Hirngespinste (machinamenta) zu verehren. Als sie dies hörten, versuchten die Franken und die ganze Menge mit Schwertern und Knütteln oder mit jedem teuflischem Geschrei ihn zu verteidigen; aber die heilige Königin hielt unbeweglich aus, trug Christus im Herzen und bewegte das Pferd, auf dem sie saß, nicht weiter, bevor auch der Tempel völlig verbrannt war und, während sie betete, die Leute unter sich Frieden machten. Nachdem dies geschehen war, bewunderten alle die Tugend und Standhaftigkeit der Königin und priesen Gott.
3. Nachdem durch das Wirken der göttlichen Macht von dem weltlichen König geschieden war, was ihre Gelübde forderten, während sie in dem Dorf Suedas wohnte, welches ihr der König gegeben hatte, im ersten Jahr ihrer Bekehrung, sah sie in einer Vision ein Schiff in Gestalt eines Menschen und auf dessen Gliedern überall Menschen saßen, sich aber in dessen Knie sitzend; dieses sprach zu ihr: „Bald wirst du auf meinem Knie sitzen, künftig wirst du in meiner Brust einen Sitz haben." Es wurde ihr die Gnade gezeigt, die sie genießen würde. Diese Vision erzählte sie ihrer Umgebung heimlich mit der eindringlichen Ermahnung, dass zu ihren Lebzeiten niemand dies wissen sollte. Wie vorsichtig im Gespräch, wie fromm in jeder Handlung! Im Glück, im Unglück, in der Freude, in der Traurigkeit immer gleich bleibend, ließ sie sich weder im Unglück entmutigen noch überhob sie sich im Glück.
12. Zum Ruhme Christi soll noch ein anderes Wunder hinzugefügt werden. Winoberga war eine von ihren Dienerinnen, die sich mit leichtfertiger Verwegenheit nach ihrem Dahinscheiden erdreistete, auf dem Sitz der seligen Königin zu sitzen. Als sie das tat, wurde sie vom Gericht Gottes geschlagen und brannte so, dass alle sahen, wie von ihr Rauch in die Höhe stieg, und jene verkündete vor allem Volk und bekannte, dass sie gesündigt hatte; dass sie deswegen brenne, weil sie auf dem Sitz der Seligen gesessen habe. Nachdem sie drei Tage und drei Nächte einen Brand erlitten hatte, rief sie lauthals aus: „Herrin Radegundis, ich habe gesündigt, ich habe schlecht gehandelt, vergib, kühle meine Glieder, die durch harte Qual verbrannt sind." Als das ganze Volk sie in so großer Strafe sah, betete es für sie, als wenn sie anwesend wäre und sagte, weil sie hilft, wo auch immer sie gläubig angerufen wird: ‚Gute Herrin, verschone sie, damit die Unglückliche nicht durch so große Qual stirbt.' So hatte die Seligste auf die Gebete aller hin gütig Nachsicht, beschwichtigte das glühende Feuer; wohlbehalten kehrte sie nach Hause zurück. Und so machte deren Strafe alle vorsichtig und fromm.