Mañjushri
Ich hatte 2001 einen Artikel über den Bodhisattva Mañjushri in den Mahayana-Sûtren geschrieben (Chökor 2001), der mir heute ergänzungs- und korrekturbedürftig erscheint. Insbesondere konnte ich damals noch nicht nachweisen, was ich damals schon im Sinn hatte, nämlich die Gleichsetzung des buddhistischen Bodhisattva mit dem westlichen Gott Hermes-Merkur.

Den Buddha töten
In einem Sûtra lesen wir: „Zu dieser Zeit gab es im Sangha 500 Bodhisattvas, die die 4 Dhyânas und die 5 Kräfte gemeistert hatten. Immer waren sie in Dhyâna versunken, ob im Sitzen oder Stehen. Da sie ihre vergangenen Leben erkennen konnten, nahmen diese Bodhisattvas ihr vergangenes unheilsames Karma wahr - Vater und Mutter töten, Arhats töten, Tempel und Stupas zerstören, den Sangha spalten. Weil sie ihr unheilsames Karma deutlich wahrnahmen, waren sie stets von bösen Ahnungen und Schuldgefühlen besessen, so dass sie den tiefgründigen Dharma nicht verwirklichen konnten. Weil sie ein Selbst unterschieden und unfähig waren, ihre vergangenen Vergehen zu vergessen, konnten sie die Verwirklichung des tiefgründigen Dharma nicht vollenden.
Zu dieser Zeit inspirierte der Erhabene, um die 500 Bodhisattvas von ihrer Unterscheidung zu befreien, Mañjushri mit seiner Wunderkraft; infolgedessen erhob sich Mañjushri von seinem Sitz, ordnete seine Robe, entblößte die rechte Schulter und stürzte mit einem scharfen Schwert in der Hand geradewegs auf den Erhabenen, um ihn zu töten.
Eilig sagte der Buddha zu Mañjushri: ‚Halt, halt! Tu nichts Falsches. Töte mich nicht so. Wenn du mich töten musst, solltest du erst die beste Art des Tötens kennen. Warum? Weil, Mañjushri, es von Anfang an kein Selbst gibt, keinen Anderen, keine Person; sobald jemand in seinem Geist die Existenz eines Ego und einer persönlichen Identität wahrnimmt, hat er mich getötet und das nennt man töten.'"
Worauf den 500 Bodhisattvas ein Licht aufgeht und sie endlich ihre Schuldgefühle loslassen können (indem sie nämlich Leerheit realisieren und damit ihr negatives Karma löschen können, da Karma nur aufgrund des Festhaltens an der Vorstellung von einem festen Ich funktioniert). Das Zen-Koan vom Töten des Buddha bezieht sich wohl auch auf diese Sûtra-Stelle, wie überhaupt viele Zen-Koans ohne die Mahâyâna-Schriften nicht zu verstehen sind. In diesem Fall handelt es sich um das 36. Sûtra „Wie man mit dem Schwert der Weisheit tötet" der Ratnakuta-Sammlung, einer berühmten Kompilation von 42 kürzeren Mahâyâna-Sûtren. Eine englische Übersetzung nach dem chinesischen Tripitaka hat Garma C. Chang 1983 ediert (A Treasury of Mahâyâna-Sâtras, Selections from the Mahâratnakûta Sûtra).
Schwert
Das Schwert ist ein Symbol für das Element Luft. Mit dem Element Luft verbunden ist die Fähigkeit zu analytischem, logischem Denken. Analytisches Denken beruht auf Begriffsbildung. Begriffsbildung ist nicht möglich ohne Abtrennung, um einen Begriff zu bilden, muss man Merkmale herausgreifen und sie von allem anderen unterscheiden. Das Denken zerschneidet die Wirklichkeit und teilt sie auf in handhabbare Einzelteile, in „Gegenstände". Dem Denken wohnt eine inhärente Negativität inne, die sich in dem Widerspruch bemerkbar macht, in dem das „Abstrakte" zum „Konkreten" steht. Das Denken birgt die Gefahr in sich, sich immer weiter in endloser Unterteilung und Verbegrifflichung zu verlieren und in Aporien zu geraten.
Wenn das analytische Denken sich aber auf sich selbst richtet, ergibt sich die Möglichkeit, sich selbst aufzuheben und über die Widersprüche hinaus zu gelangen. Dann wird das Schwert der Unterscheidung, um ein Zen-Koan zu zitieren, vom Schwert, das tötet, zum Schwert, das lebendig macht.
Diesen Weg der Aufhebung aller Irrtümer durch negative Dialektik versuchen die Prajñâpâramita-Sûtren aufzuzeigen. Das zweite Hauptsymbol Mañjushris, das Buch, ist daher natürlich das Prajñâpâramita-Sûtra.
In ihm taucht zum ersten Mal das Mantra OM ARAPACANA DHIH auf, das bekanntlich Mañjushris Mantra ist. Der mittlere Bestandteil, „arapacana" ist ein Akrostichon, d.h. ein Kunstwort, das aus den Anfangssilben anderer Wörter zusammengesetzt ist. Die fünf Silben sind zugleich die Anfangsbuchstaben eines esoterischen Alphabets, das irgendwann im alten Indien aufkam und mit Mañjushri verbunden ist. In der längeren Fassung in 25.000 Versen wird der Mittelteil des Mantras folgendermaßen erklärt:
1.Die Silbe A ist ein Tor zu der Einsicht, dass alle dharmas von Anfang an unerzeugt (âdyanutpannatvâd) sind.
2.RA ist ein Tor zu der Einsicht, dass alle dharmas (Phänomene, Erscheinungen) ohne Schmutz (rajas) sind.
3.PA ist ein Tor zu der Einsicht, dass alle dharmas im endgültigen Sinn (paramâtha) dargelegt worden sind.
4.CA ist ein Tor zu der Einsicht, dass Vergehen (cyavana) und Wiedergeburt eines dharma nicht wahrgenommen werden können, weil alle dharmas weder vergehen noch entstehen.
5.NA ist ein Tor zu der Einsicht, d ist ein Tor zu der Einsicht, dass die Namen (namah) aller dharmas verschwunden sind; das Wesen hinter den Namen kann weder gewonnen noch verloren werden.
6.DHÎH bedeutet auf Sanskrit: Gedanke, Verstand, Einsicht, Kenntnis.
Man hat sich noch andere Erklärungen ausgedacht. Manche Lamas behaupten, das Mantra bedeute: „Ich verneige mich vor dir, der du alle Lebewesen vollendest." Soll heißen: „Du bist Mañjushri. In Wirklichkeit bist du Erkenntnis, Leerheit; du bist die Natur aller Phänomene (Jampel rangzhin chönam kungyi ngo). Du bist die Erkenntnis aller Wesen. Du bringst alle zur Reife, du befähigst jeden, Erleuchtung zu erlangen." Damit wird Mañjushri die Funktion eines Seelenführers und Lehrers zugeschrieben, in welcher er gar als „Vater aller Buddhas" bezeichnet wird.
Der Kult
Über die Verehrung Mañjushris im alten Indien lässt sich wenig sagen, zu größerer Verbreitung scheint er erst in China gekommen zu sein, wo er vor allem auf dem Berg Wu tai shan verehrt wird, über den es allerlei Wundergeschichten gibt (so soll er dort als alter Mönch auf einem weißen Elefanten erschienen sein und einen Suchenden durch ein goldschimmerndes Klostergebäude geführt haben, s. <http://www.westernbuddhistreview.com/vol1/manjusri.html>).
Die Erscheinungsform, in der uns die buddhistischen Bodhisattvas entgegentreten, entspringt der indischen Kultur. In der Regel lassen sich die Attribute, die ein Bodhisattva besitzt, auf eine hinduistische Gottheit zurückführen, so erinnert etwa Avalokiteshvaras Antilopenfell sehr an Shivas Kleidung, Vajrabhairava ist eine buddhisierte Form des Shiva-Aspektes Bhairava usw.
Es müsste also eine Hindu-Gottheit geben, die als Ausgangspunkt für die Ikonographie Mañjushris in Frage käme. Bei den großen, bekannteren indischen Göttern wird man aber nicht leicht fündig werden. Die Funktionen, die Mañjushri zugeschrieben werden - Sprache, Kommunikation, Erkenntnis, analytisches Denken, Gelehrsamkeit, Element Luft, Lehrer, Waffe Schwert - passen in unserer westlichen Kultur am ehesten auf die griechische Gottheit Hermes, die mit dem römischen Merkur und dem ägyptische Thoth gleichgesetzt wurde. Wo aber finden wir in der indischen Mythologie eine vergleichbare Gestalt?
Nun ist Merkur auch eine Planetengottheit und ein astrologisches Prinzip. Es wäre also interessant, sich einmal die Darstellung des Planeten Merkur in der altindischen (vedischen) Astrologie anzusehen. Und tatsächlich gibt es dort einen Planetengott Budha (Hindi: Budh), der auf einem Löwen (oder einem Elefanten: http://www.exoticindiaart.com/product/NH17/) reitet und vier Arme hat, in denen er ein Schwert, einen Schild und eine Keule hält, eine leere Hand hält er geöffnet nach außen (eine Geste der Wunschgewährung, die uns aus der buddhistischen Kunst wohlbekannt ist). In seinem Yantra kommen auch die Symbole Pfeil und Bogen vor.
Budha Graha ist wie vermutet zuständig für Kommunikation und Intelligenz. Seine Symbol-Farbe ist grün, sein Körper ist jedoch gelb-orange (wie bei Mañjushri); ihm ist der Edelstein Smaragd zugeordnet, sein Wochentag ist der Mittwoch (Mercurii dies). Sein Mantra lautet: Om bum budhaya namah. Er erfreut sich an zweideutigen Reden, Wortspielen und ist ein Vaisya - ein Kaufmann. Seine Natur ist luftig (vata), seine Himmelsrichtung der Norden, von den Metallen entspricht ihm jede Art von Legierung. Er gilt als Sohn des Mondes und der Tara, der Gattin des Brhaspati (Jupiter). Da der Planet Merkur sich sehr schnell um die Sonne bewegt und (von der Erde aus gesehen) seine Bahn unregelmäßig ist, gilt er auch als wankelmütig und unbeständig.

Und tatsächlich können wir die Merkmale von Budha bei Mañjushri wieder finden: Zwar wird der buddhistische Bodhisattva meistens zweiarmig dargestellt, es gibt aber auch eine vier- oder sechsarmige Form des Mañjushri (Vajrânanga), die neben Schwert und Buch auch Pfeil und Bogen hält (Pfeil und Bogen sind in der indischen Astrologie an sich Attribute der Planetengottheit Shani, die unserem Saturn entspricht). In japanischen Darstellungen reitet Mañjushri wie Budha auf einem Löwen, wobei der brüllende Löwe die Stimme des Dharma verisnnbildlichen soll, eine Form, die auf Japanisch Kishi Monju Bosatsu genannt wird. In dieser Form (Tokai Monju Bosatsu) wird er gelegentlich von vier Schülern begleitet, nämlich dem jungen Sudhâna, dem Mönch Vasubandhu, dem alten Vimalakîrti und König Udayâna. In Tibet heißt diese Erscheinungsform „König der Kontroversen" oder „Löwe des Wortes" (Vâdirâj, mMra-ba'i seng-ge). Seine tantrische Gefährtin ist die indische Musik-Göttin Sarasvatî.