Die Hunde der Hekate

Geopfert wurden außer Speisen aber auch katharmata, d.h. Abfälle wie Wasser oder Blut, die beim Opfer im Haus übrig geblieben waren. Diese Hausreinigung im Namen der Hekate wurde oxythymia genannt, wörtlich „Fest des Jähzorns" bzw. der Abwendung des Zorns der Göttin. Das Opfer ist gleichzeitig ein Reinigungsritus und ist sozusagen ein umgekehrtes Sakrament, da die Opfersubstanz für das Verbrauchte, Unreine steht, nicht für das Reine oder Heilige. Gerade solche Opfer sind aber für die Dämonen und die Unterirdischen geeignet, da sie der Gegensatz der olympischen Götter sind. Der Abergläubische in den „Charakteren" des Theophrast führt mit seinem Haus häufige Reinigungen durch, weil er glaubt, Hekate selbst sei im Haus anwesend.
Da Hunde bei den Griechen im religiösen Sinne als unrein galten, waren sie für diese Art von Opfer an die Götter der Unterwelt geeignet und wurden folglich am Morgen des Neumondes an den Dreiwegen geopfert. Bevor sie geopfert wurden, wurden sie von allen Haushaltsangehörigen berührt, um auf diese Weise als „Sündenbock" (pharmakos) zu dienen, wie Plinius überliefert (Nat. hist. 29,58): „Sie hielten noch unreife junge Hunde zur Nahrung für so rein, dass sie sie anstelle von Opfertieren zur Versöhnung der Götter benutzten" (catulos lactentes adeo puros existimabant ad cibum, ut etiam placandis numinibus hostiarum vice uterentur iis). Die Hunde-Symbolik hängt aber auch wieder mit der Schlangen-Symbolik zusammen, da „Hund" (, kyôn) im archaischen Griechisch auch „Bote, Diener" heißen kann und die Schlange auch „Hadeshund" ( , kyôn Haidou) genannt wird (Pausanias III, 25,5; Pauly-Wissowa, RE VIII, 2, Sp. 2581). Auch der Höllenhund Kerberos hat ursprünglich drachenartige Züge, weshalb C.G. Jung lapidar konstatiert: „Hund und Unterweltschlange sind identisch." Plutarch erwähnt, dass die Teilnehmer an den Reinigungsritualen mit den getöteten Hunden gerieben wurden, und dass auch an den römischen Lupercalien am 15. Februar ein Hund geopfert wurde (Quaestiones Romanae, 68).
Karl Kerényi schreibt zu der Gleichsetzung Hund - Schlange:
„Der Hund, ein - wenn es die Gespenster-Göttin Hekate begleitet - auch unterweltliches, zugleich aber den Lichtaufgang andeutendes Wesen, bezeichnet hier offenbar eine Übergangssituation: den Übergang zwischen oben und unten, Nacht und Tag, Tod und Leben. Das bekannte heilige Tier des Asklepios, die Schlange, gehört zur nämlichen Situation. Die Gleichsetzung von Hund und Schlange, das Ineinanderfließen ihrer Gestalten und ihrer Bedeutung in der Bildersprache der griechischen Unterweltsmythologie, ist auffallend genug. „Hunde sind" - sagt ein alter Worterklärer - „auch die Schlangen." Die Gleichsetzung kann nur so verstanden werden, dass beide Tiere den gleichen seelischen Inhalt auszudrücken vermögen. Tiersymbole haben ursprünglich einen geographischen Geltungsbereich, der mit dem Lebensreich der betreffenden Tiere übereinstimmt. Wandernde Völker führen die Erinnerungsbilder aus der Tierwelt der früheren Heimat als Symbole ebenso mit wie ihre gezähmten Tiere. So konnte der Hund, ein eher nordisches Symbol neben die Schlange, ein eher südliches Symboltier, treten, nachdem sich die Griechen in einem an Schlangen reicheren Lande niedergelassen hatten."
Die vergleichende Symbolforschung ergibt außerdem, dass der Todesdämon bei vielen Völkern in Wolfs- oder Hundegestalt dargestellt wird. Die Sitte, Verstorbene von den Hunden beseitigen zu lassen, ist bei vielen asiatischen Völkern belegt; Herodot bezeugt diesen Brauch für die Meder. Es verwundert nicht, dass Hunde im ausführlichen Leichenritual des iranischen „Avesta" eine große Rolle spielen. Dem Hund kommt dabei stets die Aufgabe zu, den Verstorbenen in die Unterwelt zu geleiten, was ursprünglich durch Auffressen geschieht. Später ging man dazu über, stattdessen den Hund zu opfern und ihn dem Verstorbenen als Seelenführer mit ins Grab zu geben, wie es bei einigen Naturvölkern noch im 20. Jahrhundert beobachtet wurde. Der Hund, Wolf oder Schakal als Schwellentier an der Grenze von Diesseits und Jenseits findet sich daher im Gefolge der verschiedenen Todesgötter (Shiva, Wotan, Hel, Garm, Asklepios, Hekate) oder leiht dem Todesgott seine Gestalt (Anubis). Der Hund ist also der Hekate heilig, weil er in besonderer Weise „geister- und dämonensichtig" ist, und tatsächlich verfügen Hunde von Natur aus über eine starke telepathische Begabung, wie viele Hundehalter aus eigener Erfahrung bestätigen können.