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Die Erinnerung an die Götter Neben den vier Grundlagen der Achtsamkeit hat der Buddha eine Serie von sechs Betrachtungen (Pali: anussati, Erinnerungen) gelehrt, die auch von Nicht-Ordinierten im Alltagsleben geübt werden können. Die erste Hälfte besteht aus einer Vergegenwärtigung der drei Juwelen und ihrer Qualitäten: Erinnerung an den Buddha, an die Lehre und an den Sangha. Die zweite Hälfte besteht in der Betrachtung über die segensreichen Ergebnisse, die sich aus der Dharmapraxis ergeben: Freude, die aus dem Einhalten der ethischen Grundregeln entsteht, Freude, die aus Loslassen und Großzügigkeit entsteht, und Erinnerung an die Existenz der Götter. Die Götter werden dabei nicht als ewige, an sich existierende Wesen betrachtet, sondern als Wesen, die aufgrund ihrer heilsamen Handlungen als mächtige, langlebige Wesen wiedergeboren wurden. Sich an die Götter zu erinnern, bedeutet für den frommen Buddhisten also, sich auf seine zukünftige Existenz einzustimmen. Die Erleuchtung in diesem Leben zu erreichen, ist für die meisten Buddhisten unrealistisch. Da ist es ein Trost, sich zu vergegenwärtigen, dass man allein schon mit dem Bemühen um Vertrauen, Einsicht, Loslassen und Erkenntnis unter Umständen in eine übermenschliche Existenzform aufsteigen kann, wie dies auch von vielen Schülern des Buddha berichtet wird.[1] Götter im alten Indien Dass es Götter gibt, stand im alten Indien außer Frage. Für die damaligen Menschen, die noch sehr archaisch dachten, war die Natur keine tote Materie, sondern etwas Belebtes. In Bäumen und Flüssen, Seen und Bergen wohnten Geister, die geachtet und günstig gestimmt werden mussten. Die Naturkräfte waren keine unpersönlichen physikalischen Gesetze, sondern Götter des Donners, des Regens, der Fruchtbarkeit. Der Buddha stellte sich in seiner Lehrdarlegung auch darauf ein, wie wir z.B. im Valaha-Samyutta (S 32) sehen, wo Elementargeister in den Wolken für Hitze und Kälte verantwortlich gemacht werden: So habe ich es gehört. Einst weilte der Erhabene zu Savatthi, im Jeta-Hain, im Kloster des Anathapindika. Da begab sich ein Mönch zum Erhabenen, begrüßte ihn ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Seitwärts sitzend sprach jener Mönch zum Erhabenen also: »Was ist wohl die Ursache, o Herr, was ist der Grund, dass es manchmal so kühl ist?« »Es gibt da, o Mönch, Götter mit Namen -Geister der kühlen Wolken. Wenn denen einmal zumute ist: -Wie wäre es, wenn wir uns einmal nach unserer eigenen Weise vergnügten? Dann wird es aufgrund solcher Neigung ihres Geistes kühl. Dies, o Mönch, dies ist der Grund, dass es manchmal kühl ist.« Seitwärts sitzend sprach jener Mönch zum Erhabenen also: »Was ist wohl die Ursache, o Herr, was ist der Grund, dass es manchmal warm ist - dass da manchmal eine dunkle Wolke kommt - dass da manchmal Wind kommt - dass da manchmal Regen kommt?« »Es gibt da, o Mönch, Götter mit Namen -Geister der warmen Wolken (...); --Geister der dunklen Wolken; --Geister der Regen-Wolken. Wenn denen einmal zumute ist: -Wie wäre es, wenn wir uns einmal nach unserer eigenen Weise vergnügten?; Dann wird es aufgrund solcher Neigung ihres Geistes warm - kommt eine dunkle Wolke - kommt Wind - kommt Regen. Dies, o Mönch, ist die Ursache, dies ist der Grund, dass es da manchmal warm ist - dass da manchmal eine dunkle Wolke kommt - dass da manchmal Wind kommt - dass da manchmal Regen kommt.« Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass im Pali-Kanon mit größter Selbstverständlichkeit über Begegnungen des Buddha mit Geistern, Dämonen, Halbgöttern und Göttern berichtet wird. Besonders viele Berichte über Gespräche des Buddha mit den Devas finden sich im Samyutta-Nikaya, der »Angereihten Sammlung«. Das Sanskrit-Wort »deva« (das mit dem lateinischen »deus« und dem griechischen »theos« verwandt ist) bedeutet soviel wie »Lichtwesen«, hell leuchtendes Wesen. Die Devas haben ihr Herz soweit geläutert, dass ihre Ausstrahlung die von Glanz und Herrlichkeit ist. In ungezählten Berichten erwähnt der Buddha, wie ihm nachts Götter einen Besuch abstatten, und dabei »mit ihrem Glanz die ganze Umgebung erhellen«. Aus seinen zahlreichen Begegnungen mit solchen Wesen konnte der Buddha die Himmelswelten und ihre Bewohner zuverlässig beschreiben. Die im ganzen Kanon verstreuten Aussagen des Buddha wurden später im Abhidharma übersichtlich zusammengestellt, so dass wir anhand dieser Landkarte eine Reise durch die Welt der Götter unternehmen können.[2] Die Vier Großen Könige: Welt der Elementargeister Oberhalb unserer Menschenwelt befindet sich der unterste Götterhimmel, die Welt der Vier Großen Könige, die die Hüter der vier Himmelsrichtungen sind (Darstellungen der Vier Könige findet man in Asien vor fast jedem buddhistischen Tempel). Diese Welt ist unserer Menschenwelt noch sehr ähnlich. Die Götter in ihr unterscheiden sich in ihrem Charakter wenig von uns, auch gibt es hier noch soziale Unterschiede, Pflichten und Verantwortung, aufsteigende Götter, die sich um Läuterung bemühen, und absteigende Götter, die wegen ihrer Überheblichkeit im nächsten Leben womöglich wieder als Menschen geboren werden. Die Götter dieses Bereichs sind im wesentlichen Elementargeister (Sylphen, Undinen, Salamander, Gnome), wie wir sie auch aus der westlichen Mythologie kennen. Erwähnenswert sind die Wassergeister (M 12), die Macht-Götter (Yakshas, D 32), die dem Menschen teils als Schutzengel, teils als Schadensstifter begegnen können, die Erdgeister und Elfen (Baumgeister, S 31). Die vier großen Könige selbst gehören zu den ersten Schülern des Buddha. Die Welt der 33 Götter - Himmelsgötter Über diesem erdnahen Bereich befindet sich das Reich des Donnergottes Sakka, der große Ähnlichkeit mit dem griechischen Zeus hat. Wie dieser über die olympischen Götter, herrscht er über ein Pantheon von Göttern, das kosmische Kräfte wie Himmel, Sonne und Mond, Wind und Wolken regiert. In ewiger Jugend leben sie in Pracht und Herrlichkeit dahin und genießen verfeinerte Sinnesfreuden, an denen gemessen unsere Genüsse armselig und schmutzig sind. Doch ewiger Frieden ist ihnen nicht vergönnt: Immer wieder werden sie von den Asuras, neidischen, titanischen Halbgöttern angegriffen, gegen die sie sich immer wieder verteidigen müssen. Unter dem Namen »Vajrapani« ist Sakka einer der acht großen Bodhisattvas. Die Gezügelten - Aufhören des Kämpfens Auf dieser Stufe hört zum ersten Mal das Kämpfen und Sich-Verteidigen auf, in das die niederen Götter noch verstrickt sind. Äußerer Krieg ist immer auch Ausdruck von innerer Aggressivität, daher hört das Kämpfen erst auf, wenn die Neigung zur Aggressivität im eigenen Inneren überwunden ist. Das ist erstmals bei den »Gezügelten« der Fall. Zwar haben sie noch die Neigung, den 33 Göttern zu Hilfe zu kommen, bewahren aber dann doch Neutralität. Die Stillzufriedenen - Tushita Im Tushita-Himmel ist jede Tendenz zur Gewalttätigkeit überwunden. Hier wurden viele Buddhisten nach ihrem Tod wiedergeboren, und angeblich befindet sich hier auch der Aufenthaltsort des künftigen Buddhas Maitreya. Die Schöpfungsfreudigen Auch die Götter erfahren die Welt als objektiv, als etwas von ihnen Unabhängiges. Dieser Dualismus löst sich zunehmend auf, je feiner die Wahrnehmung wird. Die schöpfungsfreudigen Götter sind in ihrem Begehren so gestillt, dass sich das, was sie sich wünschen, spontan in ihrer Wahrnehmung gestaltet. Sie müssen daher nicht mehr an einen Ort gehen, um sich etwas Erwünschtes zu besorgen. Sie leben sozusagen in einem Schlaraffenland, in dem sie ihre Umwelt selbst gestalten können. Die Selbstgewaltigen Sie haben auch den Wunsch, sich sinnliche Erlebnisse zu verschaffen, überwunden. Ihr einziges Vergnügen besteht darin, den anderen Göttern beim Erschaffen von Realität zuzusehen, wohlwollend und heiter. Sie sind die perfekten Ästheten, deren Glück im Zusehen und Betrachten besteht, eine Qualität, die wir Menschen gelegentlich bei großen Kunstwerken empfinden können. Als bloße Zuschauer sind sie aber immer noch abhängig von äußeren Impulsen, und wenn es einmal kein »Programm« gibt, kann es auch für sie noch Enttäuschung geben. Bei ihnen gibt es noch eine geschlechtliche Differenzierung, aber nur noch in sehr flüchtiger, zarter Weise. Formbereich (rupa-dhatu) Hier endet der Begierdebereich, die unterste der drei Welt (triloka), aus denen der Kosmos besteht. Wir betreten nun die Welt der reinen Formen, ein Reich reinen Lichts und Glanzes, das uns über die vier Versenkungsstufen (Sanskrit: dhyana, Pali: jhana) zugänglich ist. Die Götter in diesem Bereich leben unvorstellbar lange, treten am Beginn eines neuen Weltzeitalters (kalpa) ins Dasein und leben bis zu seinem Ende. Brahma - Der Schöpfergott und allliebende Vater - erste Versenkungsstufe Brahma, in der indischen Mythologie der höchste der Götter, durchstrahlt das gesamte Universum mit Güte und Wohlwollen (Sanskrit: maitri, Pali: metta), empfindet alles als Teil von sich und betrachtet alle Wesen als seine lieben Kinder, denen er väterliches Wohlwollen entgegenbringt. Da er bei der Neuentstehung eines Kosmos als erstes Wesen ins Dasein tritt, hält er sich selbst für den Erschaffer der Welt, wie er es einem Schüler des Buddha gegenüber zum Ausdruck bringt: »Ich bin der Höchste, der Unbesiegte, der Allseher, der Gebieter, der Herr, der Schöpfer, der Erschaffer, der Vollkommene, der Erhalter, Beherrscher und Vater von allem, was da war und sein wird.« (D 11) Brahma ist der Gott der Priesterkaste, der Brahmanen, die seine Welt für die höchste halten, und er ist vielleicht auch der Gott der monotheistischen Religionen, deren positive Qualitäten wir in ihm verkörpert sehen können. Doch sein Glaube, der Schöpfer der Welt zu sein, ist immer noch eine Illusion. - Der Legende nach war es Brahma, der den Buddha nach seiner Erleuchtung zuerst um Unterweisung bat. Die Leuchtenden - zweite Versenkungsstufe Während Brahma von Zeit zu Zeit noch in den niederen Welt handelnd eingreift, sind die leuchtenden Götter ganz in die zweite Versenkungsstufe und Gefühle von Mitleid und Barmherzigkeit versunken, aus denen sie nur gelegentlich auftauchen, um »O Wonne« auszurufen. Während die Brahmawelt sich beim Weltuntergang auflöst, bleibt ihr Himmel davon unberührt und existiert auch in den Zwischenräumen zwischen Untergang und Neuentstehen der Welt. Dasselbe gilt auch für alle weiteren höheren Götterhimmel, so dass nur zu verständlich ist, warum Meditierende, die Zugang zu ihnen erlangen, sie für ewig und unvergänglich halten können. Die Schönheitsversunkenen - dritte Versenkungsstufe Wer Mitfreude (mudita) übt und anderen von Herzen alles Gute gönnt, so dass er fremdes Glück wie sein eigenes empfindet, wird in diesem Bereich wiedergeboren, in dem es auch nicht das kleinste Unlustgefühl mehr gibt, das selbst die Brahma-Götter noch befallen kann. Hier ist alles ein Meer von Wonne, in dem die Unterscheidung von »ich« und »du« aufgelöst ist und jeder allen alles gönnt. Sie leben »von Wohl durchtränkt, durchdrungen, erfüllt und gesättigt und empfinden ein stilles Herzenswohl der Zufriedenheit« (D 33), das sie nicht einmal mehr zu äußern brauchen. Ihre Lebensdauer beträgt vier Äonen (kalpas). Die Reichgesegneten - vierte Versenkungsstufe Bis zu 500 Äonen leben die Götter dieses Bereichs, von denen es fünf Kategorien gibt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ständig in reinem Gleichmut (Sanskrit: upeksha) verweilen, der vierten Versenkungsstufe, in einem stillen Zufriedensein, in dem auch das Wohlgefühl der Schönheitsversunkenen zur Ruhe gekommen ist. Zu ihnen gehören die Götter der reinen Gefilde, die »Reinhausigen«, in deren Bereich die Nichtwiederkehrer geboren werden, d.h. die Menschen, die alle groben Geistesgifte schon zu Lebzeiten aufgelöst haben und nur noch als Götter wiedergeboren werden, um allmählich auch die feineren Verblendungen aufzulösen und ins Nirwana einzugehen. Der Buddha nannte diese Existenzform die einzig erträgliche innerhalb von Samsara (M 12). Nach Mahayana-Auffassung hat der Buddha im Akanistha-Himmel, der zu den reinen Gefilden gehört, Erleuchtung erlangt. Formloser Bereich (arupa-dhatu) Nun löst sich alle Form, alle Körperlichkeit auf, und wir betreten die Welt der formlosen Götter, die keinen Körper mehr haben, sondern reines Bewusstsein sind. Es ist eine Welt reiner Abstraktion, reiner Geistigkeit, in der die Lebenszeit angeblich 200.000 Äonen beträgt - ungeheuerliche Dimensionen, vor denen die menschliche Vorstellung kapituliert. Götter der Raumunendlichkeit Die Götter im formlosen Bereich verfügen nur mehr über die vier Skandhas von Empfindung, Wahrnehmung, karmischen Tendenzen und Bewusstsein, doch sind diese bei ihnen nur in feinster Weise vorhanden. Inhalt ihrer Wahrnehmung ist die Unendlichkeit des Raumes - leerer Raum, unabhängig von Gegenständlichkeit. Götter der Bewusstseinsunendlichkeit Irgendwann geht dem Bewusstsein, das in die Betrachtung des Raumes versenkt ist, auf, dass auch der Raum nicht für sich besteht, sondern ein Inhalt des Bewusstseins ist. Hecker schreibt hierzu: »Bewusstsein ist ein Fließen von her - zu hin, also Zeit. Innerhalb des Bewusstseins gibt es weder Anfang noch Ende, es setzt seine Vergangenheit und Zukunft mit... Unendlich, ohne Ende nach beiden Seiten, ist Bewusstsein, als ständiger Zweitakt von Vorher/Nachher, Kommen/Gehen in der vergeistigten Weise eines formlosen Bewusstseinsstromes ohne diese und jene Welt (D 28).«[3] Alles ist Bewusstsein. Eine Annäherung an diese Erfahrung findet man in der Philosophie des deutschen Idealismus. Götter des Nicht-Daseins Aber auch die Zeit kann noch transzendiert werden. Die Reflexion auf die Erfahrung, dass alles im Bewusstsein ist, führt zu der Erkenntnis, dass das Bewusstsein selbst zeitlos gegenwärtig ist, dass es in sich selbst endet und anfängt und feststellt, dass außer diesem Feststellen nichts sonst da ist, kein wie auch immer geartetes »Etwas«. Vermutlich ist dies das »nunc stans«, die »Ewigkeit«, das »Nichts«, von dem die deutschen Mystiker (vor allem Ekkehard) sprechen. Die Übungen, die in diesen Bereich führen, sind die Betrachtung über das Aufhören der Wahrnehmung, über die Leerheit von einem Selbst und über das Nicht-Gehören (Aneñjasappaya-Sutta, M 106). Weder Wahrnehmung noch Nicht-Wahrnehmung Aber auch die Erfahrung »nichts ist da« ist noch eine Wahrnehmung. Wenn man auch diese Wahrnehmung noch loslässt, gelangt man in einen Schwebezustand zwischen Wahrnehmen und Nicht-Wahrnehmen, den man vielleicht mit dem Zustand des Einschlafens vergleichen könnte. Es ist ein beständiges Fallenlassen von Wahrnehmung, ein Loslassen und immerwährendes Entsinken, das sich ständig wiederholt. Dieses ständige Auflösen ist nun der subtilste aller Reize und Triebe, den Samsara zu bieten hat, und wird daher auch als »Gipfel weltlicher Existenz« bezeichnet. Auch diese Erfahrung noch loszulassen, gelingt erst im diamantgleichen Samadhi, der »Erlöschung von Wahrnehmung und Gefühl« und Auflösung der Tendenzen (vgl. Anupada-Sutta, M 111). Andernfalls wird auch dieser Geisteszustand irgendwann enden, und der formlose Gott wird wieder hinabsinken in die Welt der Vielfalt und Sinneswahrnehmung. -------------- [1] S. hierzu Fritz Schäfer: Der Buddha sprach nicht nur für Mönche und Nonnen, Heidelberg 1996, S. 757; Hellmuth Hecker: Die Furt zum anderen Ufer, Stammbach-Herrnschrot 1999, S. 184-187. [2] Ein klassischer Text zu diesem Thema ist Vasubandhus Abhidharmakosha, der in Kapitel 3 ab Vers 63 die Götter behandelt. Eine ausführliche Übersicht findet sich auch bei Hecker, Furt, S. 260 ff. [3] Hecker, Furt, S. 273. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||